Nachlese: Die 7. Steglitz-Zehlendorfer Wirtschaftsgespräche

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Das Auto und die „Grüne Mobilität“

25. März 2010 

Das Grüne Verkehrkonzept hat das Auto integriert, und die freie Fahrt für freie Bürger stößt beim Individualverkehr weltweit und Parteien übergreifend an ihre Grenzen.

Um der Diversität des Themas gerecht zu werden, diskutierten bei den Wirtschaftsgesprächen Winfried Hermann, Grünen-Vorsitzender des Verkehrausschusses, Kurt Schnauck, Inhaber der BMW-Niederlassungen Riller&Schnauck (150 Mio. Umsatz pro Jahr, 350 Mitarbeiter in Deutschland) sowie Gerd Lottsiepen, Verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrclub Deutschland miteinander. Lisa Paus, MdB von Bündnis 90/Grüne übernahm die Moderation.

Winfried Hermann setzte mit der Bemerkung, dass 80% des Personenverkehrs und 70% des Gütertransportes vom Auto vorgenommen werden, den Stellenwert der Veranstaltung fest.
Er sprach über das Ziel, bis 2050 den CO2-Ausstoß zu halbieren. Dabei werden 2030 bereits zwei Milliarden Autos auf unseren Straßen unterwegs sein. Einfache Lösungen gäbe es da nicht. Für lange Strecken empfahl er effizient genutzte langsame Benzin- oder Dieselfahrzeuge, für mittlere Strecken Hybridautos und für Kurzstrecken Elektroautos oder –fahrräder, wobei nur ein ökologisch angepasster Strommix die Umwelt schont.

Kurt Schnauck, der zum Gutshaus Steglitz gelaufen war, stellte u.a. das dreijährige Leasing von BMW vor, das eine Umweltkarte einbezieht. Elektroautos könnten wegen mangelnder Ressourcen die Verbrennungsmobilität nicht ablösen und das Wasserstoffauto stünde ggf. später einmal zur Verfügung. Kurt Schnauck hatte die undankbare Aufgabe, die Umwelt bezogenen Innovationserfolge der deutschen Autoindustrie zu loben, was wenig überzeugend und inhaltsarm über seine Lippen kam. Auch Reifen mit geringem Rollwiderstand, die Stromverfügbarkeit durch elektrische Windkraftübertragung und ein Batteriesatz für den Mini für 18000 € riefen dann nicht mehr viel Begeisterung hervor. Sein Argument für Premiumlimosinen, das auf der Finanzierung der Umweltforschung durch teure Autos beruhte, wurde ebenfalls verhalten aufgenommen.

Kurt Lottsiepen plädiert für ein vernetztes Mobilitätskonzept. 23 Stunden, tgl. steht das Auto auf dem Parkplatz, also wäre Car Sharing eine sinnvolle Maßnahme. Umweltfreundliche Autos sollen politisch gefördert werden und – Elektroautos hätten nur eine Chance, wenn Ölprodukte teurer werden. Dies wird sicher eintreten, da die Verfügbarkeit von Rohöl sinkt.
Interessant war auch folgende Information: nur 20% der Mauteinnahmen werden für den Straßenbau genutzt, für den öffentlichen Nahverkehr gibt es dort kein Budget. Auch Steuern rund ums Auto und den Sprit tragen nicht unbedingt zur umweltgerechten Verkehrpolitik bei – Steuern dürfen schließlich nicht zweckgebunden ausgegeben werden.

In der Pause, bevor die Diskussionsgruppen an Stehtischen Fragen und Anliegen der Teilnehmer vertiefen können, macht sich ein Besucher über die kommunalpolitischen Zustände in Berlin Luft. Ineffizient und unkoordiniert gehe es da zu, das weiß er aus beruflicher Erfahrung. Als Modellstadt für umweltfreundlichen Verkehr kann er sich Berlin nicht vorstellen.
Hier ist auch die schwarz-grüne Zählgemeinschaft in Steglitz-Zehlendorf gefordert.

Beim Verlassen der Veranstaltung hat Kurt Schnauck für die Stachelleser noch eine persönliche Botschaft: Nehmt die Reaktion der Industrie auf das geschärfte Umweltbewusstsein wahr und nutzt die konkreten Möglichkeiten.
Gerd Lottsiepen appelliert mit folgenden Worten an die Leser: Politische Rahmenbedingungen, verbunden mit Eigenverantwortlichkeit führen zu kreativen, individuellen Lösungen.

Es war fast unmöglich, innerhalb einiger Stunden, mehr als Denkanstöße, Impulse und Anregungen zum Thema zu vermitteln, dennoch hat man viel Neues vernommen und vielleicht auch einige Illusionen begraben. Aber die Komplexität, Bedeutung und Konfliktimmanenz rund um den CO2-Ausstoß und das Auto werden sicher von keinem Teilnehmer mehr unterschätzt.

Jutta Wolff; Berlin; 06. April 2010

Fotos von Sebastian Schleicher ©2010
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