Jede Bratwurst zählt

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Klasse statt Masse„Nie wieder Fleisch?“ ist der provokante Titel eines beeindruckenden Filmes von Jutta Pinzler. Gemeinsam mit ca. 80 Bürgerinnen und Bürgern haben Bündnis 90/Die Grünen am Dienstag diesen Film im Titania-Palast gesehen. Zu sehen waren katastrophale Zustände in deutschen Schlachthöfen und Ställen. Tierschutz geht anders. Auch der enorme Einsatz von Antibiotika ist eine Gefahr für Mensch und Tier. Folgen des übermäßigen Fleischkonsums sind auch eine Beschleunigung des Klimawandels, die Verpestung von einheimischen Böden und Trinkwasser und nicht zuletzt die sich dramatisch verschlechternde wirtschaftliche Situation in afrikanischen und südamerikanischen Ländern. Im Anschluss an den Film entbrannte eine lebhafte Diskussion mit Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag, Eva Bell, Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Berlin und Jochen Dettmer, Bundesgeschäftsführer von Neuland e.V.

„Jede Bratwurst zählt“. Mit diesem Satz erinnerte uns Renate Künast an unsere Verbrauchermacht: Die Politik kann als Rahmensetzerin zwar einiges bewirken, aber letztlich müssen wir im Supermarkt entscheiden, was wir in unseren Einkaufswagen legen. Dabei sollte man sich aber nicht von der immensen Größe des Problems lähmen lassen – jede einzelne Kaufentscheidung für ein nachhaltiges Produkt hat einen positiven Effekt. Denn je mehr Kunden diese Produkte nachfragen, desto sicherer fühlen sich die Produzenten, dass sie auch Abnehmer für ihre Produkte finden. Und je mehr Kunden sich beim Fleischkauf für die Bio-Bratwurst entscheiden, desto schneller fängt auch im konventionellen Einzelhandel ein Umdenken statt. Deshalb: jede Bio-Bratwurst zählt!“Jochen Dettmer, Eva Bell, Nina Stahr und Renate Künast

Aber auch die Politik kann einiges bewirken. Renate Künast spricht von einem ganzen Werkzeugkasten an Maßnahmen, zum Beispiel durch Änderung des Baugesetzbuches, um die baurechtliche Serien-Genehmigung von Intensivtierhaltungsanlagen im ländlichen Raum zu beenden und damit Kommunen mehr Macht zu geben, die neue Massentierhaltungsbetriebe verhindern wollen, neue Mindestgrößen für den Platzbedarf der Tiere, eine gesetzliche Regelung der wahllosen Antibiotikum-Vergabe, neue Regeln für die Vergabe von Subventionsmitteln, , eine Mindestmenge an Futtermittel, das regional erzeugt wird sowie bessere Aufklärung über Ernährung und Gesundheit in den Schulen.

Zur Sprache kam natürlich auch der von den Grünen ins Spiel gebrachte Veggie-Day, der für viel Wirbel in der Presse und in der Öffentlichkeit gesorgt hat. Dabei wollen die Grünen niemandem das Fleischessen verbieten, sondern auf mehr Bewusstsein beim Fleischkonsum hinweisen– und für mehr Wahlfreiheit bei der Auswahl beim Essen sorgen. Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass es in den meisten Kantinen in der Regel nur ein vegetarisches Gericht gibt, das meistens einfallslos und oft auch immer das gleiche ist. Stattdessen sollte es an einem Veggie-Day mehrheitlich vegetarische Gerichte geben und z.B. nur ein Fleisch-Gericht. So können Konsumenten auch dafür sensibilisiert werden, dass vegetarisches Essen auch sehr vielseitig und lecker sein kann. Und es ist ein Beitrag zu unserer Gesundheit. Nehmen doch durch den erhöhten Fleischkonsum Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und verschiedene Krebsleiden zu.

Nina Stahr und Renate KünastDenn in den Köpfen der Menschen muss sich beim Fleischkonsum viel ändern, wenn wirklich etwas an den beschriebenen Missständen verändert werden soll. Und dafür brauchen wir ein Hin zu mehr Klasse und insgesamt ein Runter bei der Masse. Das sieht die schwarz-gelbe Bundesregierung im übrigen ganz genauso, wie Eva Bell anmerkt. Bereits 2009 hat die Bundesregierung Kantinen in Betrieben, Schulen oder Senorienheimen empfohlen, am besten maximal 2mal die Woche Fleisch anzubieten – was drei Veggie-Days entsprechen würde. Doch das scheinen die Vertreter von CDU und FDP im Wahlkampf leider vergessen zu haben.