Rede unseres stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Daniel Eliasson
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich rede heute über Erinnerung. Über Verantwortung. Andere halten das für eine Zumutung — und sich selbst für die vergessenen Opfer der Geschichte.
Dr. Hans Weinert hat am 8. Mai in unserem Bürgertreff einen Vortrag gehalten, dessen zentrale These falscher nicht sein könnte: Die Deutschen seien nach 1945 umerzogen worden.
Man habe ihnen eine fremde Identität aufgezwungen. Das Schuldgefühl, das sie angeblich tragen, sei kein echtes — es wurde von außen eingepflanzt, von den Alliierten, von finsteren Netzwerken. Von Leuten, die Lippmann oder Kaufman, Horkheimer oder Adorno hießen. Diese dort genannten Namen, die sind auch kein Zufall. Selbst eine angeblich jüdische Herkunft Angela Merkels wurde aus dem Publikum implizit angedeutet. Das ist ganz billig kaschierter Antisemitismus.
Dieser Vortrag war ekelhaft. Aber der Vorwurf, der dahinter steckt — der Vorwurf, Deutschland habe seine Erinnerungskultur nicht selbst erarbeitet, sondern aufgezwungen bekommen — der ist nicht nur falsch. Er ist diesem Land gegenüber zutiefst unfair.
Schauen wir also auf die Geschichte. Die echte.
Die Re-Edukation — das Programm der Alliierten zur Demokratisierung Deutschlands — war real. Sie haben Zeitungen gegründet, Rundfunkanstalten aufgebaut und Unterrichtsstoff überprüft. Das ist kein Geheimnis, das ist Zeitgeschichte, das steht in jedem Lehrbuch.
Aber was war das Ergebnis? Haben die Alliierten Deutschland damals wirklich erfolgreich umerzogen?
Nein.
Die Amerikaner haben schon 1948 praktisch Schluss gemacht mit der Entnazifizierung. Von Erinnerungskultur war damals sicherlich keine Rede. Was entstand, war eine Gesellschaft mit einem sehnlichen Wunsch nach dem Schlussstrich. Und Adenauer hat diesen Wunsch nur zu gern bedient. Sein Kanzleramtschef Hans Globke hatte den Kommentar zu den Nürnberger Rassengesetzen verfasst — und saß trotzdem im Zentrum der Macht. Ein Drittel der höheren Beamten hatten eine NSDAP-Vergangenheit. Von fast 1500 abgeschlossenen Strafverfahren gegen NS-Täter im Gründungsjahr der Bundesrepublik sank die Zahl bis 1959 auf zweiundzwanzig. Täter lebten unbehelligt. Viele machten Karriere. Einige wurden geehrt.
Das war kein Land, das unter einer erdrückenden Umerziehung litt. Das war ein Land, das von seinem Zivilisationsbruch nichts mehr wissen wollte.
Und dann geschah etwas — nicht durch die Alliierten, nicht durch irgendeine Verschwörung — dann kam Widerstand dagegen. Von innen.
Fritz Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, hat den Auschwitz-Prozess gegen massiven Widerstand aus seiner eigenen Justiz erzwungen. Ab 1963 standen in Frankfurt Männer vor Gericht, die sich sicher wahren, für ihre Verbrechen nicht büßen zu müssen. Der Prozess hat eine Gesellschaft erschüttert, die sich entschieden hatte, den Dreck unter den Teppich zu kehren.
Oder Beate Klarsfeld, die 1968 Bundeskanzler Kiesinger — einem ehemaligen NSDAP-Mitglied — auf dem CDU-Parteitag vor laufenden Kameras ins Gesicht schlug und „Nazi!“ rief. Sie wurde verhaftet, verurteilt, machte weiter. Sie und ihr Mann Serge haben Klaus Barbie, den Schlächter von Lyon, in Bolivien aufgespürt und seine Auslieferung erzwungen.
Und da waren viele andere: Überlebende, Historikerinnen und Historiker, Journalistinnen und Journalisten, Lehrerinnen und Lehrer, Wissenschaftler*innen, Initiativen, Künstler, Schülerinnen und Schüler. Söhne und Töchter der NS-Generation. Sie alle haben gegen Widerstände dafür gesorgt, dass Verdrängung nicht das letzte Wort behält. Sie alle haben den Grundstein für das gelegt, was heute die eigentliche Staatsräson dieses Landes ist: dass Auschwitz sich nicht wiederholt.
Und genau das, genau dieser Mut — das ist es, was eigentlich dort im Bürgertreff als Umerziehung bezeichnet wurde. Eigentlich als Unterwerfung. Als Angriff auf deutsche Identität.
Sehr geehrte Damen und Herren, das ist eine Schande.
Die eigentliche Geschichte dieses Landes ist die umgekehrte: Nicht die Alliierten haben Deutschland zur Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit gezwungen. Deutsche selbst — gegen massive gesellschaftliche Widerstände, oft um einen hohen persönlichen Preis — haben die Erinnerungskultur erkämpft. Das ist eine bemerkenswerte moralische Leistung, eine Leistung, auf die man stolz sein kann.
Wer das als Umerziehung rahmt, wer historische Verantwortung als Schuldkult abtut, wer das Grundgesetz als fremdes Papier der Besatzer bezeichnet — der ist nicht Verteidiger dieses Landes. Er macht aus Tätern Opfer, aus Aufarbeitung Unterdrückung, aus unserer Demokratie eine Fremdherrschaft.
Es ist eine Schande, dass so ein Vortrag hier im Jahr 2026 möglich ist. Dass am 8. Mai abfällig über Wehrmachtsdeserteure gesprochen wird. Hätte es nur mehr Deserteure gegeben, vielleicht wäre dieser schreckliche Krieg früher vorbei gewesen.
Und es ist eine Schande, dass am 8. Mai hier im Bezirk erzählt wird, Deutschland trage nicht die alleinige Schuld am Zweiten Weltkrieg. „Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen“ – hier im Bezirk wurde im Lichterfelder Bürgertreff – einer öffentlich finanzierten Einrichtung – pure Nazipropaganda verbreitet. Geschichtsrevisionismus in seiner reinsten Form.
Das ist die Logik der Reichsbürgerbewegung. Das ist die Logik alter und neuer Nazis. Und das, sehr geehrte Damen und Herren, hat keinen Platz in Berlin und keinen Platz in Deutschland — nicht in bezirklichen Räumen, nicht auf öffentlichen Bühnen, nirgendwo.
Ich sage klar, was ich vom Bezirksamt erwarte: keine weitere Veranstaltung der AG Ostmitteleuropa e.V. in bezirklichen Räumen. Und ich erwarte, dass der Dachverband der Steglitz-Zehlendorfer Seniorenvereinigungen die Konsequenz zieht und diese geschichtsrevisionistische Gruppe aus seiner Mitte ausschließt. Ansonsten muss man sich ernsthaft die Frage stellen, warum wir diesen Dachverband weiter mit Bezirksmitteln fördern sollen.
Danke.